Zu kaum einem Festival fahre ich so gerne wie zum MENT Festival in Ljubljana. Das ist nicht immer eindeutig, es ist aber nun mal auch nicht immer alles nur Lametta in der Musikindustrie.

EINORDNUNG

Konferenzfestivals sind eine Art Entertainment Messe, bei der ein Konglomerat an Mittelmännern, die nichts sinnvolles gelernt haben, in rauen Mengen zusammen kommt um Fördergeld Canapés zu essen, bei Konzerten über sich selber zu reden, frenetisch auf ihren mobilen Endgeräten herumzudrücken und mit dem Talent anderer Menschen Kuhhandel zu betreiben.

Neben etlichen Konzerten wird zusätzlich eine Zusammenstellung an Panels, Workshops und Werbeveranstaltungen angeboten, bei denen man der ausufernden Ratlosigkeit einer Industrie, deren moralischer Kompass immer von sich selber wegzeigt, eine Bühne bietet. Die akademische Übung ist es dabei zu keinem Zeitpunkt über Inhalte, sondern ausschließlich über Absatzzahlen und Soziale Medien, zu reden.

Eurosonic und SXSW (Sauf bei Saufwest) bieten vor allem die relevanten Bühnen auf denen zu katastrophalen Bedingungen zu spielen sich jedes Musikprojekt sehnlichst wünscht. Das bringt nicht nur überhaupt nichts, wenn man nicht ohnehin schon in den erlesenen Zirkeln der musikindustriellen Postapokalypse etabliert ist, man bekommt sogar, teils mehrfach, jovial wohlwollend auf die Schulter geklopft dafür. Win-Win wie man so sagt.

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Lalalar | Live | Kino Šiška

Das MENT Festival in Ljubljana, Slowenien ist ein kleiner, sympathischer Ableger dieser Prämisse, der sich unter anderem dadurch auszeichnet, dass die Aufmerksamkeit besagter Industrie in Richtung Zentral- und Osteuropa korrigiert wird. Als solches ist die Veranstaltung Teil des, von der EU geförderten, INES Netzwerks. Einer weitestgehend oligarchisch organisierten Struktur, die sich jährlich entscheidungstragend dafür geriert, was das nächste große Ding aus dem jeweils eigenen Land wird (siehe: Self-fulfilling prophecy).

Der Gemeinderat der Republik Wien hat sich in diesem Jahr entsprechend völlig satirebefreit dazu entschieden unter anderem das Südtiroler Duo Anger und die britische Arbeitsgemeinschaft Petrol Girls aus Österreich zu entsenden. Den Begriff “Supergroup” hat man am Beispiel My Ugly Clementine auf die Bedeutung “haben alle vorher schon mal in teilweise österreichweit bekannten Projekten gespielt” eingedampft. Mira Lu Kovacs konnte außerdem, nach 5KHD im Jahre 2018 und Schmieds Puls (mittlerweile Mira Lu Kovacs) in 2019, dieses Jahr ihr Bingo vollmachen. So weit so Bananenrepublik.

Nachdem ich in der vergangenen Woche auf Steuerkosten zum MENT gereist bin um dort Canapés zu essen, ratlos auf mein Handy zu schauen und einige Schmeckel für die dargebotene Ware feilzubieten, möchte ich meiner Pflicht nachkommen und die dort gesammelten Eindrücke im Folgenden mit euch teilen.

TAG 1

Als geschulter Konferenzteilnehmer schlägt man rechtzeitig zum frühen Abend beim Kino Šiška, dem Konferenzzentrum des Festivals, auf, um routiniert über Gratisbuffet und Frinks herzufallen und über sich selber zu reden, während die Veranstalter versuchen eine Eröffnungsrede zu halten.

Es folgen eine Handvoll Konzerte die abwechselnd über die 2 Bühnen der Location laufen. Es eröffnen die Dakh Daughters aus der Ukraine. Dabei ereignet sich beinahe das erste Unglück des Abends, als eine Hundertschaft an Musikarbeitern bei dem Versuch den Namen “Tiger Lillies” nicht auszusprechen, nahezu an Verstopfung verenden.

Lalalar aus der Türkei erinnerten im Anschluss an eine Version von Oum Shatt, in der man sich für die Aufführung entschieden hatte die DAW Kickdrum zum wichtigsten Teil der Kompositionen zu erklären.

Zurück im großen Saal betritt Headliner Kamaal Williams die Bühne. Dabei vertritt Frontmann Henry Williams die gewagte Theorie ein durch Parka und Sonnenbrille unterstrichener Liam Gallagher Habitus sei die Säule des internationalen Erfolgs britischen Musikexports. Die bestechende Qualität der Kompositionen aus dem Album “The Return” und die außerordentlichen Livequalitäten der Musiker täuschen leider nicht darüber hinweg, dass Jazz Jamsessions sitzend oftmals einer größeren Aufmerksamkeitsspanne zuträglich sind.

Ähnliches könnte man wohlmöglich über die slowenische Fusion Brass Gruppe Pantaloons sagen, die den Liveteil des ersten Abends beschließen. Toll zum Tanzen, auf Dauer, mangels Vielfalt des Instrumentariums, etwas müßig zum Anschauen. Am Ende also doch wieder selbst Schuld wer sich nicht locker machen kann. Soviel muss ich eingestehen.

TAG 2

Der zweite Tag beginnt mit einiger der zuvor erwähnten Werbeveranstaltungen. Die erste über die ich stolpere verspricht ausverkaufte Shows durch Daten und führt als positives Beispiel dafür an, dass Spotify ja mittlerweile ihre eigenen Shows anhand der Informationen aus ihrem Streaming Betrieb ausverkaufe.

Was kann schon groß schief gehen?

Wollte man polemisch sein, würde man jetzt vielleicht auf die dystopische Zukunftsvision eines orwellschen Prolefeed verweisen.

“And the Ministry had not only to supply the multifarious needs of the party, but also to repeat the whole operation at a lower level for the benefit of the proletariat. There was a whole chain of separate departments dealing with proletarian literature, music, drama, and entertainment generally. Here were produced rubbishy newspapers containing almost nothing except sport, crime and astrology, sensational five-cent novelettes, films oozing with sex, and sentimental songs which were composed entirely by mechanical means on a special kind of kaleidoscope known as a versificator.” – George Orwell / 1984

Ja gut, das ist nah dran. Muss man zugeben.

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Ljubljana | Eine unentschiedene Stadt

Stattdessen war ich dann also beim Panel “Streaming For Underdogs”. Dort gab es wahllose und sehr relative Tipps und Tricks dazu wie man sein Spotify Level auf Stand bringt. Kurz gesagt sollte man Playlist Redakteure belästigen bis die einen featuren, Musik machen die so belanglos ist, dass sie 30-Jährige Pärchen beim Dinner Abend im Hintergrund hören können und nach Möglichkeit keinen Progressive Rock machen.

Beim French Pitch gab’s auf Mittag zumindest Brunch mit Éclairs, Shrimps und Wein. Das Herfallen der Musiksoldaten über die Notrationen gleichte nicht unweit dem Sturm auf die Bastille. Es war einer dieser Adagio-for-Strings-Zeitlupen-Momente. Ich sah Berufsjugendliche mit Wahnsinn in den müden Augen und Lachs Splittern im Gesicht.

Ein Stockwerk höher präsentierte die Synth Library Prague einen Synthesizer Showcase. Das anwesende, freundliche und geschulte Personal erklärte den angereisten Businessleuten bereitwillig, dass das quasi Instrumente sind. Gelebte Musikindustrie.

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Kurz darauf erklärte bei der Veranstaltung zum Thema “Bandcamp for Artists and Labels” ein PR Mitarbeiter von Bandcamp wie Bandcamp funktioniert. Bandcamp funktioniert genau so wie ich angenommen hatte das Bandcamp funktioniert.

Beim Panel zum Thema “Venues. Challenges. Solutions” witterte ich dann meinen Erkenntnisgewinn. Als durchschnittliche Probanden hat man sich u.a. für einen alteingesessenen Club im Zentrum einer touristischen Großstadt, einer Venue in einer der letzten existierenden autonomen Freizonen Europas und einer Veranstaltungsstätte auf einem Boot, die über eine nationale Fernsehsendung finanziert wird entschieden. Das Potential der Allgemeingültigkeit und Anwendbarkeit der Tipps war also ungemein hoch. Dafür weiß ich aber jetzt wie viele Frauen und Männer ca. in jeder der Venues angestellt sind. Ich werde später ruhig schlafen.

Bei der Präsentation der Kuppel am Vorplatz gab es aber Freibier. Nun gut. Es soll einem keiner nachsagen man sei nicht versöhnlich wenn es darauf ankommt.

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Ab 19 Uhr am Abend startet in der Stadt das Konzertprogramm. Es zieht mich zur Slovenska Kinoteka. Eine kleine Kinemathek in Zentrumsnähe. Hier sind gleich 2 interessante Acts in Folge angesetzt.

Die slowenische Künstlerin Malidah betritt die Bühne im Kinosaal. Sie erklärt kurz und ruhig die Prämisse ihrer Performance auf Slowenisch und Englisch und nimmt im Schneidersitz vor ihrem Equipment platzt. Das ist auch der Knackpunkt. Sowohl die Musik als auch die Visuals werden via Leap Motion über Handgesten gesteuert. Was folgt ist eine fantastisch orchestrierte Klangkulisse die sich in 3 Titeln über 40 Minuten hinweg trägt. Eine deutlichere Struktur würde dem Ganzen sicher gut stehen. Malidah bezeichnete allerdings eingangs die Titel selbst als ihre “Little Worlds”, in denen sie sich offensichtlich auch verliert. Nach einem bereits langen Tag bin ich mehr als froh über den bequemen Sessel und die beruhigenden Klangwelten.

Nach einem kurzen Umbau kommt Bolt Ruin auf die Bühne, der meiner Meinung nach mit dem wunderbar klangvollen bürgerlichen Namen Brecht Linden nicht auf einen Alias angewiesen wäre. Christopher Nolan DJ Set wäre vielleicht eine gute Alternative gewesen. Das Set des jungen belgischen Producers setzt sich zumindest aus massenhaft Fanfaren, Noise Wänden und geduldigen, komplexen Field Recording Stimmungen zusammen. Nicht umsonst wird er jetzt bereits mit Leuten wie Blanck Mass und Forest Swords verglichen.

 

Als nächstes steht das Dijaški dom Tabor auf meinem Zettel. In der Aula des Studentenheims spielt Amorante. Der Baske Iban Urizar, wie er eigentlich heißt, singt intensive, modern und traditionell zugleich anmutende Folklore Stücke. Das macht er maßgeblich mit einer wahnsinnig präzisen Loop Technik und natürlich in baskischer Sprache. Nicht nur eine der ältesten Sprachen, sondern auch eine der seltenst gesprochenen. In sich schon spannend. Amarante punktet aber oben drauf mit sympathischer Authentizität, gebrochenem Englisch und entwaffnendem Charisma. Hätte ich eine Rose gehabt, ich hätte sie auf die Bühne geworfen.

 

Auf dem Weg zu einer anderen Show halte ich kurz den Kopf ins Menza pri koritu, einem der vielen Clubs der autonomen Freizone Metelkova. Dort treten gerade Ottone Pesante aus Italien auf. Eine Brass Metal Band die sich aus Drummer, Trompeter und Posaunist zusammen setzt. Eine Idee, von der ich angenommen hätte sie sei dem kühnen Geist der oberbayerischen Landbevölkerung entsprungen. Die größte Überraschung ist aber dass das tatsächlich einfach irgendwie funktioniert.

Aber keine Zeit. In wenigen Minuten starten die pijammies ein paar Clubs weiter im Channel Zero. Und –Ho–Ly–Shit– hat diese blutjunge, zusammengewürfelte slowenische Truppe aus loveable Misfits abgeräumt. Wer was mit Louis Cole, Knower, Weather Report, Jan Hammer oder Snarky Puppy anfangen kann ist hier beim richtigen Jam. Nahezu perfekt abgeliefert, mit sichtlicher Spielfreude, Drive, Fretless Bass und eingängigen Melodien. Medaillenverdächtig.

Zum Abschluss gab’s Industrial von xDZVØNx, der, von dem was ich gehört habe, herkömmlichen Electro-Industrial, EBM und Aggrotech nichts hinzuzufügen hatte und überraschend soliden Psychedelic/Kraut/Garage Rock von Slift aus Frankreich zum Feierabend Bier.

TAG 3

“In Anbetracht der Länge des Beitrags bisher begrenze ich mich für den letzten Teil auf ein paar Highlights.” – Charles Dickens

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Sightseeing | Ljubljana

Die erste Hälfte des Live Programms findet am letzten Tag auf dem Schloss über Ljubljana statt. Für einen Salzburger schon gleich eine Unfassbarkeit astronomischen Ausmaßes. Nicht-Mozart Musik unter freiem Himmel oder im Denkmalkontext ist der Stadt standesgemäß ein bürokratischer Würgreiz im Gebälk.

Nicht-Mozart sind in einem Fall Cheap House aus Straßburg, die in der Skalna dvorana auftreten, die normalerweise einen Jazz Club beheimatet. Das Quartett macht keine Gefangen und lässt an den aktuellen Output von Bands wie The Comet Is Coming denken. Westafrikanische Rhythmik trifft auf Club Referenzen und tiefe analoge Synth Bässe. Als eigentlich routinierter Konzertsteher bringt es mich an den Rand meiner Komfortzone.

 
Skinny Pelembe spielen einen hervorragenden Gig, der leider in hallender Akustik und einem Haufen Gelaber etwas untergeht.

 
Das Highlight des Abends war für mich allerdings Sturle Dagsland aus Norwegen, der im Stara mestna elektrarna, dem alten Kraftwerk Ljubljanas, auftritt. Das norwegische Gebrüder Duo verfällt über 40 Minuten hinweg in wundervollen Wahnsinn. Man ist beinahe bei Zeiten besorgt um die Unversehrtheit der Musiker. Es wird frenetisch geschrien, wortwörtlich ausgezuckt, Instrumente fliegen durch die Gegend. Beinahe fennoskandinavisch anmutender Nordic Folk trifft auf Kehlkopfgesang, lärmige Klangwände und Dark Ambient Versätze. Was sich flüchtig als vollkommen improvisiertes Chaos präsentiert ist offensichtlich deutlich erprobter als vermutet. Jede Performance folgt einer klaren Struktur und überschreitet, dank kompakter Stücklängen, nie die Grenzen der Gastfreundschaft des Betrachters. Das man sich zu keiner Zeit ganz sicher ist auf welcher Ironie Ebene man sich derweil befindet, entfaltet einen zusätzlich entwaffnenden Charme.

 

Später des Nachts strandeten wir beim Hitra hrana zmaj Imbiss und wurden mit, an Berufung grenzendem Enthusiasmus zubereiteten, Burgern umgarnt. Der Kampf gegen den Titan hat mich möglicherweise 3 Jahre meines Lebens gekostet. Ich komme wieder Ljubljana. Hvala!

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